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Ganz e Familie

Früher hiessen sie Stieffamilien, heute nennt man sie Patchwork-Familien. Doch wie muss eine solche Familie funktionieren, damit das «Flickwerk» hält und sich zu einem harmonischen Ganzen fügt? Antworten liefert die Familie Langenegger-Blaser aus Bern.

Als Claire Langenegger im Dezember 2012 seit langem wieder Mal im Ausgang ist, um im Berner «Bierhübeli» das Konzert der Mundart-Rap-Band EFM zu besuchen, da will sie Spass haben, ja! Tanzen, ja! Aber einen neuen Mann fürs Leben finden, ganz bestimmt nicht! Denn von Männern hat die damals 29-jährige Mutter von vier Kindern erst mal genug. Genau genommen hat sie sogar noch einen zu viel: ihren Ex und Vater der Kinder, der noch immer in der gemeinsamen Wohnung im Murifeldquartier wohnt.

Doch die Launen der Liebe sind unergründlich. An diesem Abend jedenfalls trifft Amor mit seinem Pfeil zwei völlig unvorbereitete Herzen: das von Claire und das von Simon Blaser. Der 26-Jährige, der gerade erst die Ausbildung zum Sozialarbeiter abgeschlossen hat, lässt nicht locker, auch nicht, als Claire von ihren vier Kindern erzählt. Bevor sich die zwei verabschieden, tippt er seine Handynummer in ihr Telefon. Zehn Zahlen mit Zukunft.

Annäherungen an eine Familie

Wo verabredet man sich an einem Samstagnachmittag mit einer Mutter in Bern? Auf dem Spielplatz am Schützenweg. Hier haben Claire und Simon zwischen angemalten Flugzeugen, bunten Piratenschiffen und einer Schar Kinder ihr erstes Rendezvous. Auch Simon hat Verstärkung mitgebracht: seine drei Nichten. Er mag Kinder, das merkt auch Claire sofort, er spielt und lacht und findet zwischendurch Zeit für Gespräche. Und als Claudio auftaucht, der Ex-Freund von Claire und der Vater ihrer Kinder, da versteht Simon sich mit ihm auf Anhieb. Nach dem Wochenende sind Claire und Simon ein Paar.

Dass die beiden jetzt nicht Hals über Kopf zusammenziehen, ist der erste Fehler, den sie nicht machen. Sie lassen den Kindern, sich selbst und Claudio Zeit und Raum, um sich an die neue Situation heranzutasten. Jeder muss seine neue Rolle in diesem Gefüge finden. Im Sommer 2013 machen Simon, Claire und die vier Kinder zum ersten Mal gemeinsam Ferien: zwei Wochen Provence. Derweil sucht Claudio für sich eine neue Bleibe, doch das gestaltet sich schwierig, auch weil das Geld knapp ist: Dabei sollte die neue Wohnung in der Nähe und gross genug sein, damit die vier Kinder jeden Donnerstag und Freitag sowie jedes zweite Wochenende bei ihm wohnen können.

Simon zieht ein

Simon wächst in die Rolle des vierfachen Teilzeit-Familien-Stiefvaters hinein und verschafft sich mit Claires und Claudios Unterstützung eine sanfte Autorität. Auch beruflich klappt’s: Er erhält eine 80 Prozent-Stelle als Sozialarbeiter in der kantonalen Beobachtungsstation für Jugendliche mit Gewalt- und Suchtproblemen. Nachdem Claudio eine neue Wohnung gefunden hat, zieht Simon im April 2014 zu Claire und den Kindern. Das Patchwork nimmt Formen an.

Erst seit 2013 liegen offizielle Zahlen zu Schweizer Patchwork-Familien vor. In 5,7 Prozent der Familienhaushalte lebt 2010 mindestens ein Kind, das aus einer früheren Beziehung des einen Partners stammt. Neuere Zahlen gibt es nicht, die Tendenz ist aber steigend. Kein Wunder: Wurden 1970 in der Schweiz 15 Prozent aller Ehen geschieden, ist es heute fast jede zweite. So sind die Gesellschaft, das Recht und sogar die Sprache heute alternativen Familienformen gegenüber positiver eingestellt: Aus der beargwöhnten Stieffamilie ist die fröhlich-bunte Patchwork-Familie geworden.

Regelmässige Aussprachen

Heute hängt unter dem Klingelschild «Familie Langenegger» ein weisses Klebeband mit der Aufschrift «S. Blaser». Dort klingelt Claudio an diesem Freitagnachmittag, und wenig später entert er mit der Kindermeute die Doppelwohnung an der Murifeldstrasse. Jeremy (12) macht sich rasch ein Müsli und ist schon wieder weg – Tschutten auf der Sonnenhalde. Somia (6) schnappt sich Kater Balz, Timo (8) verschwindet in die Stube, während Jamie (14), die Älteste, nur ein Ziel hat: Belay (3 Monate) ist der neue Star im Hause, das erste gemeinsame Kind von Claire und Simon. Als er vor drei Monaten um 4 Uhr morgens in einer Hausgeburt zur Welt kam, da war Jamie hellwach, da durfte sie nach Claire und Simon als Dritte ihren kleinen Halbbruder auf den Arm nehmen, «Bruder!», sagt sie.

Claudio setzt sich an den Tisch zu Claire und Simon, um rasch über Jeremy zu reden. Der hatte gestern nämlich keine Lust gehabt, die zwei Tage bei Claudio zu wohnen. Ein kleiner Machtkampf zwischen Vater und Sohn, ganz normal, nur dass das Patchwork dem Pubertierenden eine willkommene Wahlmöglichkeit gibt. Nach dem Motto: Ich schlafe dort, wo es mir gerade am besten passt. Die drei Erwachsenen sind sich einig, dass das nur in Ausnahmen toleriert werden kann. «Ich habe auch darauf bestanden, dass Jeremy selbst absagt und Claudio erklärt, warum er nicht kommen will», sagt Simon. So wie jetzt sprechen sich Claudio, Claire und Simon regelmässig über die Familie aus.

Vor ein paar Wochen war Murifeldfest. Hunderte von Kinder waren da, ebenso viele Erwachsene, ein buntes Durcheinander bis spät in die Nacht. So spät, dass Claudio spontan bei Claire und Simon und den fünf Kindern übernachtete.

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