Social Media Form

E-Mail recipient*:
*
Sender*:
*
Your message*:
*

Endlich erwachsen

Wenn die Kinder flügge werden, ist das nicht immer leicht – weder für die Eltern noch für die Jugendlichen. Zum Znacht bei Renata und Mario Andreato und ihren drei Kindern Gianluca (19), Fiorella (15) und Giada (11).

Das gemeinsame Abendessen ist ein Familienritual bei den Andreatos aus Gütighausen. Heute gibt es Spaghetti, genau wie zu Gianlucas 18. Geburtstag vor einem guten Jahr. Mutter Renata stellt den Salat auf den Tisch und setzt sich zu ihrer Familie.

Renata: «Wir haben deinen 18. Geburtstag im kleinen Rahmen gefeiert, erinnerst du dich?»
Gianluca: «Ich musste den ganzen Tag arbeiten. Aber ich weiss noch, dass ich in den Laden ging und eine Flasche Wein kaufte.»
Fiorella: «Wie kindisch!»
Gianluca: «Für mich war das ein Zeichen: Ich bin jetzt erwachsen.»
Fiorella: «Sehr erwachsen verhältst du dich aber nicht immer.»
Gianluca: «Ich fühle mich auch nicht erwachsen. Aber um mich herum sehen mich alle als Mann, nicht als Junge. Beim Einkaufen werde ich sogar gesiezt.»

Von wegen erwachsen!
Biologisch gesehen ist ein Mensch erst Anfang 20 erwachsen. Dann ist die biologische Reifung abgeschlossen, das Gehirn und Nervensystem sind «erwachsen». Doch das Gefühl, erwachsen zu sein, setzt bei jungen Menschen seit einigen Jahrzehnten immer später ein, wie eine amerikanische Studie unlängst erfasst hat. Was man einst direkt im Anschluss an die Schule in Angriff nahm – den ersten Job, Ausziehen, das Heiraten – verzögert sich immer mehr. Das liegt auch daran, dass junge Menschen vermehrt weiterführende Schulen absolvieren und länger finanziell von ihren Eltern abhängig bleiben.

Die Welt zu Füssen
Aber auch für jene, die sich mehr als Kind denn als Erwachsener fühlen, gilt: Wer volljährig wird, ist von einem Tag auf den anderen für sich selbst verantwortlich. Ob auswandern oder heiraten, eine Wohnung mieten, die Nacht durchmachen, ein Auto leasen oder als Bundesrätin kandidieren – weder Mutter noch Vater können das noch verbieten.

Allerdings bringt die Volljährigkeit nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten mit sich. Bald flattert das Aufgebot zur Aushebung ins Haus, wer steuerpflichtiges Einkommen und Vermögen hat, muss Steuern zahlen, und bei den Krankenkassen gelten ab dem Jahr des 19. Geburtstags nicht mehr die starkvergünstigten Jugend-, sondern die Erwachsenenprämien. Für diese sowie alle anderen Kosten muss der Jugendliche nun selbst aufkommen – es sei denn, er hat Eltern, die ihn freiwillig unterstützen. Bei den Andreatos gilt: Wer wie Fiorella und Gianluca als Lernender Geld verdient, muss das Auswärtsessen und den Ausgang selbst berappen. Alle weiteren Ausgaben, zum Beispiel für Krankenversicherung und Kleidung, tragen nachwie vor die Eltern. Von Gianlucas 700 Franken, die er als Büchsenmacher im dritten Lehrjahr verdient, sind Ende des Monats ohnehin nicht mehr viel übrig. Das Wenige spart er für später. Gianluca möchte nach der RS ausziehen – nach Rom zur Schweizer Garde.

Das leere Nest
Wegziehen? Den Stammplatz am Esstisch freigeben? Der Gedanke, dass der Knirps, dem man doch eben noch die Windeln gewechselt hat, bald das Nest verlässt, kann schmerzen. Besonders Mühe mit der Leere haben die Väter, nicht etwa die Mütter. Gemäss einer Studie der Universität Bern gelingt es Müttern oft besser als Vätern, sich auf den neuen Lebensabschnitt vorzubereiten. Und bei den Andreatos?

Mario: «Ich kann gut loslassen.»
Renata: «Bei Gianluca habe ich auch keine Mühe. Aber bei Fiorella schmerzt mich allein schon der Gedanke, dass sie mal gehen könnte. Ich bin einfach noch nicht so weit. Ich sage oft: Mein Körbchen an Familie ist noch nicht voll, ich brauche mehr, zum Beispiel gemeinsame Ferien und Abende wie diesen. Der Prozess des Loslassens ist aber im Gange.»
Fiorella: «Davon spüre ich aber noch nichts, Mami. Neulich beim Fest zum Schulschluss wolltest du, dass ich schon um 23 Uhr daheim bin!»
Renata: «Wir haben das dann besprochen, woraufhin ich die Regel gelockert habe. Ich möchte mit euch diskutieren und eure Meinung ernst nehmen. Bei mir früher war das ganz anders, weisst du ... Für mich war das Erwachsenwerden keine schöne Zeit. Es ging mir nicht gut daheim, und ich zog noch während der Lehre aus. Das möchte ich euch ersparen.»

Geniessen statt klammern
Dass Kinder immer später von zu Hause ausziehen, zeigt nicht nur der Generationenvergleich bei den Andreatos. Im Schnitt verlassen junge Erwachsene in der Schweiz heute ihr Elternheim im 25. Lebensjahr – vier Jahre später als vor 40 Jahren noch (Bundesamt für Statistik). Ein weiteres Phänomen der heutigen Zeit: Der Auszug ist weniger definitiv. Die sogenannten Boomerang Kids kommen und gehen: Sie ziehen aus, kehren zurück – zum Beispiel während einer Ausbildung, wegen hoher Mieten oder einer zerbrochenen Liebe – und ziehen wieder aus.

Renata: «Irgendwann wird mein Körbchen an Familie voll sein. Und dann werde ich hoffentlich mit Freude auch Giada, unsere Jüngste, ziehen lassen.»
Mario: «Dann gehen wir zu zweit auf Reisen, essen, was wir wollen, bleiben, solang es uns gefällt.»
Fiorella: «Das zu hören, beruhigt mich. Ich will dann kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich gehe.»
Giada: «Du ziehst sicher als Erste von uns aus.»
Fiorella: «Nicht jetzt, aber vielleicht so mit 20. Ich will irgendwo hinziehen, von wo aus ich schnell zu meinen Freunden komme. Hier fährt ja um halb acht abends der letzte Bus!»
Mario: «Ihr werdet euren Weg schon gehen. Aber kommt, jetzt räumen wir das Geschirr weg. Oder möchte jemand noch Spaghetti?»