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Blick in den Bauch

Kaum etwas ist aufregender für Paare als eine Schwangerschaft. Riesig ist die Vorfreude, aber auch die Ungewissheit. Ist das Ungeborene gesund? Vorgeburtliche Untersuchungen liefern Hinweise  auf die Gesundheit des Kindes, doch ein Restrisiko bleibt. Das musste auch die Familie Puorger erfahren.

Es war das schönste Weihnachtsgeschenk seines Lebens, obwohl er  sich  zuerst  darüber  geärgert hatte. Sie hatten nämlich abgemacht, sich keine Geschenke zu machen. Trotzdem lag jetzt dieses Schächtelchen auf dem Ehebett. «Mach’s auf!», sagte Alessia. Also öffnete Reto den Deckel, erblickte einen Papierstreifen mit zwei roten Streifen drauf – und verstand erst mal gar nichts. «Ich bin schwanger», sagte seine Frau. Drei Worte, zwei Streifen, eine Riesenfreude.

Reto Puorger war so stolz, Vater zu werden, dass er es gleich seiner ganzen Familie verkündete. Alessia war vorsichtiger. Als langjährige Praxisassistentin einer Frauenärztin in St. Moritz wusste sie: Die ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft bergen die grössten Risiken fürs ungeborene Kind, und auch danach kann noch einiges passieren. So begann Heiligabend 2012 für die Puorgers nicht nur eine Zeit der Vorfreude, sondern auch des Wartens und Hoffens, dass auch alles gut sei mit dem ungeborenen Kind.

Immer mehr Kontrollen

Jahrtausende lang hatten die Menschen kaum Möglichkeiten, sich während der Schwangerschaft ein Bild von der Gesundheit des Ungeborenen zu machen. Das Einzige, was sie hatten, waren die körperlichen Symptome der Schwangeren: Übelkeit, Launenhaftigkeit, Blutungen, Schmerzen – und um die 20. Schwangerschaftswoche spürbare Bewegungen des Fötus. Trotzdem blieben die Gesundheit des Kindes weitgehend, sein Aussehen und Geschlecht sogar komplett ein Geheimnis bis zur Geburt.

Das änderte sich schlagartig, als der Geburtshelfer Ian Donald 1958 die ersten Ultraschallbilder eines Embryos machte. Seitdem arbeiten die Industrie und die Medizin mit Hochdruck an der Entschlüsselung des Geheimnisses, das einst das Ungeborene umgab. Sieben Kontrolluntersuchungen und zwei Ultraschalluntersuchungen unterzieht sich eine Schwangere heute bis zur Niederkunft – im Normalfall. Zwar geht es bei Kontrollen immer auch um die Gesundheit der werdenden Mutter; das Hauptaugenmerk gilt jedoch dem ungeborenen Kind, das fachmännisch inspiziert, ab- gehört, vermessen und über das Blut der Mutter analysiert wird.

Fundamentale Fragen

Vor allem vor dem sogenannten Ersttrimester-Test in der 13. Schwangerschaftswoche machte sich bei den Puorgers Nervosität breit. Alessia war als Praxisassistentin oft genug bei diesen Tests dabei gewesen und wusste genau, worum es ging: Die Messung der Nackentransparenz und gegebenenfalls ein Blutscreening würden ihr und Reto Hinweise darauf geben, ob ihr Kind möglicherweise Trisomie 21, also das Downsyndrom haben würde. Wie würden sie als Paar auf einen positiven Befund reagieren? Alessia tendierte dazu, auch ein behindertes Kind austragen zu wollen, Reto war sich da weniger sicher. Fakt ist: In der Schweiz brechen mindestens drei Viertel der Frauen, deren Kind auf Trisomie 21 positiv getestet wurde, die Schwangerschaft ab.

Gewissensfragen sind also unausweichlich, wenn sich Paare ehrlich mit den vorgeburtlichen Untersuchungen auseinandersetzen. Dabei gilt: Je mehr sie über die Gesundheit und den Zustand des Ungeborenen erfahren, desto grösser wird ihr Entscheidungsspielraum und – möglicherweise – ihr moralisches Dilemma. Deshalb ist es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte die werdenden Eltern immer wieder daran erinnern, dass nicht jede Untersuchung, die realisierbar ist, auch für jeden sinnvoll ist. Dies gilt insbesondere für die Möglichkeiten, die uns zukünftig Genomanalysen bieten könnten (siehe Interview).

Der Schock

Die Puorgers lösten ihr Dilemma, indem sie auf die Statistik hofften. Die Wahrscheinlichkeit, dass die damals 30-jährige Alessia ein Kind mit Trisomie gebären würde, lag bei 1:900. Trotzdem war die Erleichterung der beiden gross, als keine der Untersuchungen Auffälligkeiten offenbarte. Die Schwangerschaft verlief problemlos, und Reto wurde mit jedem Zentimeter, den der Bauchumfang seiner Frau wuchs, ein bisschen stolzer. Bei der zweiten Ultraschalluntersuchung in der 22. Woche sahen die beiden, dass Alessia eine kleine Tochter gebären würde. Vivian sollte sie heissen. Im Spital Oberengadin in Samedan reservierten Reto und Alessia ein Familienzimmer.

98 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt: Vivian gehörte nicht dazu. Schon kurz nach der Geburt verkrampften sich ihre Arme. Mit Blaulicht und im Inkubator ging es nach Chur ins Kantonsspital. Einem MRI folgte die niederschmetternde Diagnose: Vivian hatte noch im Mutterbauch einen Hirnschlag erlitten. In ihrer mittleren Gehirnschlagader steckte ein Blutgerinnsel und liess die linke Hirnhälfte absterben – daher die Krämpfe. Um diese zu stoppen, legten die Ärzte das Neugeborene fünf Tage ins künstliche Koma. Das Gerinnsel löste sich – von da an hiess es: warten  und hoffen. Welche und  wie starke Behinderungen Vivian von dem Hirnschlag davontragen würde, das würde erst die Zukunft zeigen.

Das Entzücken

Zweieinhalb Jahre später hüpft, springt, lacht und quatscht die kleine Vivian mehr, als es den Eltern manchmal lieb ist. Der menschliche Körper ist ein wunderbarer Organismus – anpassungs- fähig und stark. Vivians unversehrte rechte Hirnhälfte hat die Funktionen der abgestorbenen linken Seite vollständig übernommen. Darauf deuten bis heute sämtliche fein- und grobmotorischen Tests hin, das zeigt ihre Sprachentwicklung, und nie werden die beiden Eltern vergessen, wie entzückt und erleichtert sie über die ersten Schritte ihrer Tochter waren.

«Vivian hat uns deutlich vor Augen geführt, dass jede Schwangerschaft Risiken birgt, die durch keine Untersuchung beseitigt werden können», sagt Alessia Puorger heute. Und neben dem glücklichen Ausgang habe die Geschichte mit Vivian auch etwas Positives gehabt, sagt Alessia. «Wir wussten lange nicht, ob wir ein behindertes Kind haben oder nicht, aber etwas spürte ich ganz genau: dass Reto dieses Kind so liebt, wie es ist.» Diese Erkenntnis habe sie ihrem Mann noch näher gebracht.

Die Krankenakte von Vivian konnte im November 2015 geschlossen werden. Zwei Monate zuvor hatten die Puorgers im Familienzimmer der Klinik Oberengadin ein viertes Familienmitglied willkommen geheissen: Nando, 4180 Gramm, 56 cm, kerngesund.

Mutterschaft - gut beraten

Damit Sie Ihre Schwangerschaft unbeschwert erleben können, regeln Sie frühzeitig Ihren Versicherungsschutz. Nutzen Sie die Zeit vor der Geburt für das Anmelden Ihres Kindes und das Klären von Fragen.